Vier Richters

von Josef Westner
 
Vier Richters - 1

Das dort war eigentlich der Höhepunkt meines Lebens

 
Als ich als Kind zum ersten Mal Schellackplatten sah, hörte und in der Hand hielt, waren es keine großen Schätze, die mein Interesse weckten, keine Kostbarkeiten, keine Raritäten. Aus dem Nachlass meines Großonkels, der im Zweiten Weltkrieg in Frankreich gefallen war, gab es lediglich ein dürftiges Grammophon, eher eine ramponierte Bastelarbeit, die den Forumsexperten wohl die Tränen in die Augen treiben würde, und ein gutes Dutzend Platten, die reichlich abgenudelt und entsprechend verschlissen waren. Die Interpreten, die mein Großonkel zusammengetragen hatte, waren wohl typisch für einen niederbayerischen Buben, der einer einfachen „Häuslleut“-Familie entstammte. Ein paar Weiß Ferdl, Bauernkapellen, Alt-Münchner Volkslieder und – eine Kristall-Platte mit den Gassenhauern „Ich möcht’ ein kleines Mäuschen sein“ und „Du kannst nicht treu sein“, die Onkel Gottfried offenbar besonders gemocht hatte (so grau und abgespielt wie die Platte war). Als Künstler nennt das Label die „Vier Richter’s Gesangs-Gitarristen“. Und auch wenn dieses Pflänzchen nicht gerade die schönsten Blüten bildete oder die schmackhaftesten Früchte lieferte, die Samen dieses Ensembles fielen in den 1930er Jahren auf einen ausgesprochen fruchtbaren Boden. Die „Vier Richters“ wurden weit populärer als Gesangsgruppen, denen man es aus heutiger oder aus musikwissenschaftlicher Sicht vielleicht gewünscht hätte. Sie trafen den Nerv einer Zeit, die auf das Volk und seine Tümlichkeit ausgerichtet war.

Vokalgruppen sind meist Gemeinschaftsleistungen, ein Teamwork von kreativen Musikern und Sängern. Nur selten ist ein Ensemble mit einem einzigen Namen verbunden, durch ihn definiert, von ihm geprägt – Kurt Richter bildet hier zweifellos eine Ausnahme. Als Sohn eines Böttchers 1907 in Berlin geboren, gründete er ein Quartett, das aus der Not heraus entstanden ist, wie er in autobiographischen Aufzeichnungen schilderte: „Ich habe die Volksschule in Berlin bis zur Oberklasse besucht. Bedingt durch den 1. Weltkrieg erhielt ich keine Berufslehre. Während der Nachkriegszeit und der Inflation habe ich als Bote und Gelegenheitsarbeiter gearbeitet. Bei Walter Dietrich (Schrammel-Trio W. Dietrich) habe ich Gitarrenunterricht genommen“. Auf Basis dieser rudimentären musikalischen Ausbildung formierte und formte Kurt Richter ein Ensemble, das im Deutschland der 1930er Jahre auf eine unfassbare Resonanz stieß. „‚Die 4 Wedding Boys’ bestanden ursprünglich aus 3 Hofsängern. Das waren Kurt Richter, Fritz Löwenstein und Jonny Schulz. Beim Ständeln lernten wir in der Kommandantenstraße eine Paul Meier kennen, der sich uns anschloss und uns von der Straße auf die Bretter brachte, die die Welt bedeuten. Also Paul Meier machte unseren Manager, brachte uns zum Rundfunk, Cabarett, dann kamen die Schallplatten usw., Tourneen durch Schlesien, Bayern“, so Kurt Richter mehr als fünfzig Jahre später über die Anfänge des Ensembles.

Die 4 Wedding-Boys, rechts Kurt Richter

Die 4 Wedding-Boys, rechts Kurt Richter

Entdeckt „beim Singen und Spielen vor dem Café Kranzler von dem Komponisten Charley Amberg“, dürfte der Aufstieg tatsächlich schnell erfolgt sein. Erste Schallplatten sind noch 1932, kein Jahr nach ihrer Gründung, entstanden, auch das Radio klopfte frühzeitig bei den Wedding-Boys an, wie ein Zeitungsbereicht unbekannten Datums belegt: „‚Nu komm schon, Mensch. Det Essen wird sonst kalt!’ Unverfälschte urberliner Laute im großen, stillen Vorraum des Funkhauses, die bereits gedämpfter im Sendesaal bei der Probe erklangen. ‚Wer ist denn das?’ Der Beamte lacht. ‚Die Wedding-Boys – eine Neuentdeckung von Berlin!’ Vier noch junge Menschen verpackten ihre Gitarren in die Schutzhüllen und fühlen sich anscheinend schon recht behaglich hier, wo sie heute abend vor dem Mikrophon Schlager singen werden. Tapfere Berliner Jungens, die schon allerlei Not und Entbehrung geschluckt haben. Arbeitslos, abgerissen und abgekämpft haben sie sich vor einiger Zeit zu musikalischer Gemeinschaft zusammengefunden. Hofsänger, die für ein paar Groschen dankbar waren, die für ihre Familie, für Frau und Kind tagaus, tagein singend herumwanderten. Nun hat eine kleine Glückswelle sie plötzlich hochgetragen. Man hat sie entdeckt – auf dem Kurfürstendamm, wo sie gerade mit ihren Instrumenten angelangt waren. Mit Energie haben sie sich bemüht, etwas Besonderes auf ihrem allzu stark abgegrasten Gebiet zu leisten. Nun haben sie’s geschafft. Sie dürfen wieder richtig verdienen, ihre geflickte abgetragene Garderobe langsam ergänzen, und Frau und Kind haben es nicht mehr nötig, den ganzen Tag lang zu warten, ob Glück, Wetter und Zuhörer gnädig gesinnt waren. Mit ihrer frischen, unbekümmert heruntergeschmetterten „Revellerei“ haben sich die jungen Menschen jetzt auch die Möglichkeit ersungen, um die Gunst der unsichtbaren Hörerwelt Berlins zu werben – heute abend um 9.20! Vor mir wandern sie die Straße herunter, noch ganz erfüllt von der Funkprobe. ‚Mensch, der Kleene, Dünne – der war knorke, wa?’ ‚Aber janz recht hatta – mit den tiefen Ton darfste nich so nah ant Mikrofon und da rinbrüllen. Een Schritt zurück – und denn los, vastehste?’ ‚Nu hab dir man nich! Ick mach’s schon richtich. Oder hab ick dir vielleicht schon mal blamiert?’ Vier Wedding-Berliner verschwinden im Bahneingang, die sich nicht haben unterkriegen lassen von Arbeitslosigkeit und Entbehrung, die es jetzt erfahren haben: es gibt eine Belohnung für’s Durchhalten – es gibt eine geheimnisvolle Gerechtigkeit, die den tapferen Kampf gegen Not und Untergang mit Hilfe lohnt. Kein Märchen, sondern sozusagen der ‚Pour le mérite’ für mutiges Verhalten vor dem Feind unseres Volkes: Arbeitslosigkeit! Glückauf und Hals- und Beinbruch, Wedding-Boys!“

Das erstaunliche Zeitdokument beinhaltet ein Indiz dafür, dass der Gruppenname dem Berliner Stadtteil Wedding entsprungen sein dürfte. Ab 1933 erschien die Bezeichnung nicht mehr opportun, wie Richter in einem Brief erklärte: „Bei der 1. Rundfunksendung mußten wir unseren Namen Wedding-Boys (Englisch bei Hitler) in ‚Die vier Richters’ umbenennen“. Die Wahl der neuen Gruppenbezeichnung lässt auf einen gewissen Ehrgeiz Richters schließen, der sich und seine Begabung ausdrücklich in den Mittelpunkt rückte. Auch von seinen bisherigen Mitstreitern trennte er sich angesichts der Erfolgsaussichten, wie er weiter erzählte: „Da etliche meiner Herren musikalisch bei den Platten nicht mehr mitkamen, mußte ich 3 Herren auswechseln. Das waren Paul Meier, Fritz Löwenstein und Jonny Schulz. Dafür kamen für Meier Bariton ein Herr Heinz Düwert, für J. Schulz Ali Tibor Tenor, für Löwenstein Herr Erwin Teichmann Bass. Das waren dann ‚Die 4 Richters’.“ Die Formulierung entbehrt nicht einer gewissen Komik, denn von einer Auswechslung kann wohl kaum die Rede, wenn ein Ensemble bis auf den Frontmann und Namensgeber neu zusammengestellt wird. Dieser Eindruck mag aber täuschen, denn zumindest Alexander Tibor dürfte erst 1936 zur Gruppe gestoßen sein, die demnach nicht radikal und momentan, sondern über einen längeren Zeitraum umformiert wurde. Auch Hans Hahn wird als zwischenzeitliches Gruppenmitglied in erhaltenen Unterlagen erwähnt. An Platten des „Richter Duetts“ dürften neben Kurt Richter wechselnde Gesangspartner beteiligt gewesen sein – die genannten Ensemblemitgliedern, wohl auch Conny Varnhorn.

Vier Richters - 5

Zwischen 1932 und 1939 haben sich die Richters eine enorme Bekanntheit vor allem durch ihr umfangreiches Plattenœuvre für verschiedene Verlage erarbeitet. „Und zwar bei den Firmen Tempo Spezial, Deutsche Grammophon, Lindström, Telefunken, Artiphon, also bei allen Firmen, welche Schallplatten produzierten“. Diese Notiz Richters mag ein wenig übertrieben sein, sein Ensemble dürfte aber – tatsächlich eindrucksvoll – weit mehr als 250 Aufnahmen eingespielt haben, viele Titel doppelt und dreifach. „Liebling mit dem blonden Haar“, „Tirol, Tirol, du bist mein Heimatland“, „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, „Das Edelweiß“, „Wo das Duro Wellen fließen“, „Weißt du, Mutterl, was ich träumt hab’?“, „Fahr wohl, du schöner Maientraum“, „Ist alles dunkel, ist alles trübe“ – eine Auflistung ausgewählter Stücke reicht aus, um einen Einblick in das Repertoire der Vier Richters zu bieten. Volkstümliches bildete darin das Herzstück, nur selten spielten die Sänger aktuellere Tagesschlager ein. Ihr Stil und ihre Programmauswahl waren dabei ganz auf eine Zielgruppe abgestimmt, die man heute wohl als Unterschicht bezeichnen würde. Die erhaltenen Aufnahmen zeugen nicht von großem musikalischem Ehrgeiz mit anspruchsvollem Gesang, raffinierten Harmonien, sie boten schlicht Liedgut für den einfachen Mann – und wurden als solches wohl eifrig gekauft, zumal sie in den Plattenläden unter verschiedensten Pseudonymen auftauchten: als „4 Richters Gesangs-Guitarristen“, als „Richters“ oder „Vier Richters“, als „Imperial-Gesangs-Gitarristen“ oder „Volkssänger-Quartett“, als „Grammophon Gesangs-Guitarristen“ oder „Vier Troubadours“, als „Tempo-Gesangsquartett“ oder ganz anonym ohne Gruppenbezeichnung.

Die Vier Richters in Italien, v.l.n.r.: Kurt Richter (Tenor), Heinz Düwert (Bariton), Erwin Teichmann (Bass), Alexander Tibor (Tenor)

Die Vier Richters in Italien, v.l.n.r.: Kurt Richter (Tenor), Heinz Düwert (Bariton), Erwin Teichmann (Bass), Alexander Tibor (Tenor)

Über die Tätigkeit des Ensembles außerhalb der Plattenstudios gibt es nur wenige Informationen, Kurt Richter erwähnt lediglich: „Auf Tournee waren wir in Italien durch den Künstleraustausch von Goebbels“. Nur vereinzelte Plakate, Zeitungsausschnitte, Verträge und Programmzettel sind als Belege öffentlicher Auftritte erhalten geblieben, etwa ein Presseschnipsel vom 3. November 1936: „In den großen Saal des Hotels „Deutscher Hof“ hatte das Mandolinenorchester „Con Brio“ eingeladen, das unter seinem Dirigenten Paul Gossen hübsche Unterhaltungsmusik bot und ebenso wie die 4 Richters, die bekannten Rundfunk- und Schallplattensänger-Gitarristen, großen, verdienten Beifall fand.“ Ein Vertrag vom Juli 1935 für das „Bötzow-Zelt 1“ im Berliner Tiergarten lässt erahnen, dass die Gesangsgruppe wohl nie zu den Spitzenverdienern ihres Genres gehört und trotz der hohen Zahl an verkauften Platten immer ein gewisses Nischendasein gefristet haben dürfte: „Wer bestätigen hiermit unsere heutige Abmachung wie folgt: Wir engagieren die ‚4 Richters’ grundsätzlich nur tagesweise. Benachrichtigung zum Auftreten erfolgt jeweils von Fall zu Fall am Tage des Auftretens telefonisch bis 1 Uhr. Wir erklären ausdrücklich, daß das Engagement auch bei Auftreten an mehreren, aufeinanderfolgenden Tagen ein Tagesengagement, ohne jeden Anspruch zum Auftreten für weitere Tage, bleibt. Sind die ‚4 Richters’ bestellt, ein Auftreten durch ungünstige Witterung jedoch nicht möglich, so erhalten die 4 Richters als Spesenvergütung RM. 6,–. Die Tagesgage beträgt bei dreimaligem Auftreten RM 30,-. Bei ein- oder 2maligem Auftreten RM 10,- bzw. RM 20,-. Die ‚4 Richters’ verpflichten sich, während der Dauer des Engagements im Umkreis von 500 Metern in keiner anderen Gaststätte zu arbeiten.“

Vier Richters - 4

Auffällig oft sind die Richters für NS-Organisationen wie „Kraft durch Freude“ tätig und unterstreichen damit ihren völkischen Musikstil, der den nationalsozialistischen Vorstellungen deutscher Kultur wohl recht nahe kam. Dennoch scheint die Zeit des Ensembles 1939 abgelaufen zu sein – wohl aufgrund von Einberufungen zerfällt das Quartett. Kurt Richter und Alexander Tibor singen mit Georg Schröter noch als „Die lustigen Drei“ für die Truppenbetreuung, bis auch dieses Projekt sich zerschlägt. In einem Interview 1979 wird Tibor stolz erzählen: „Wir waren neben den Comedian Harmonists damals das einzige Quartett in Deutschland“, offenkundig eine liebenswürdige Übertreibung. Und doch nicht ganz fern jeder Realität: In ihrem Stil, in ihrer Ausschließlichkeit, volkstümliches Liedgut mehrstimmig zu interpretieren, waren die Vier Richters einzigartig. Und für Alex Tibor steht fest: „Das dort war eigentlich der Höhepunkt in meinem Leben“.
 

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Dieser Beitrag basiert in erster Linie auf Dokumenten und Aufzeichnungen Kurt Richters, die in den Nachlässen von Berthold Leimbach und Christoph Dobmeyer erhalten geblieben sind. Für ihre Unterstützung bei meinen Recherchen möchte ich Karsten Lehl und Hans-Jürgen Tibor danken.
 

(Dieser Artikel ist ursprünglich im Rahmen der Internetpräsenz Grammophon-Platten.de erschienen.)