Fred Kassen

von Broody
 

Friedrich („Fred“) KASSEN

* 7.8.1903 in Langendreer/Westfalen
† 7.4.1972 in Köln

 
Fred Kassen wurde am 7. August 1903 in Langendreer geboren. Seine Geburtsstadt gehört heute zu Bochum. Er hatte zwei Brüder, Alfred und Werner, die Inhaber einer Haushaltswarenhandlung und einer „Konzertagentur Gebrüder Kassen“ in Den Haag, Weteringkade 50, waren. Sie betrieben nach dem Krieg eine Eisenwarenhandlung in Iserlohn.
Über die musikalische Ausbildung von Fred Kassen ist nichts bekannt. Schon frühzeitig betätigte er sich als Pianist, Komponist und Sänger und absolvierte Ende der 1920er Jahre eine dreijährige Amerika-Tournee. Danach machte er in Berlin Schallplattenaufnahmen, unter anderem gemeinsam mit den Abels sowie mit Begleitung durch Paul Godwin und seine Jazz-Symphoniker oder durch das Orchester Dajos Béla. Im Jahr 1931 war Fred Kassen für einige Monate Barpianist in der „Texas-Bar“ im Femina-Palast an der Nürnberger Straße in Berlin, wo er gemeinsam mit John („Jonny“) Millow Interpretationen moderner Schlager und Tänze darbot. Angeblich hat er 1931 in dem Film „Der falsche Ehemann“, in dem die Comedian Harmonists mitwirkten, eine Nebenrolle gespielt und das Lied „Einmal wird dein Herzchen mir gehören“ gesungen. 1932 war Fred Kassen kurzzeitig in der Bar „Casanova“ engagiert. Zusammen mit seiner ersten Ehefrau Ethel Mary Lamaire, geb. Jackson (* 11.1.1908 in Glace Bay, Kanada), Künstlername Nina Navarro oder Nina Sorell, trat er als „Nina Navarro and Kassen Bros.“ auf. 1933 gastierte Fred Kassen, wiederum mit Jonny Millow, für längere Zeit in der „Greifi-Bar“ in der Joachimsthaler Straße in Berlin sowie im Femina-Palast, wo er gemeinsam mit Adolf Gondrell, Claire Waldoff, dem Orchester Paul Godwin u. a. auftrat. Von September 1934 bis März 1935 gastierte er mit einer Varieté-Nummer im Ausland, seit April 1935 war er erwerbslos.
Fred Kassen bewarb sich als Antwort auf ein Inserat im „Berliner Lokalanzeiger“ vom 28. Juli 1935 schriftlich bei der noch unter dem Namen Comedian Harmonists firmierenden Gruppe von Robert Biberti. Am 30. Juli 1935 sang er vor und wurde als Tenor-Buffo engagiert. Er erhielt anfänglich ein monatliches Gehalt von 500,- Reichsmark plus Spesen sowie ein Weihnachtsgeld von 50 RM. Von seinem Festgehalt blieben ihm nach Abzug der Steuern und Pflichtversicherungen knapp 430 RM. Fred Kassen war Mitglied der Reichsmusikkammer unter der Mitglieds-Nr. I/15257, wurde jedoch zum 1. August 1935 aus der RMK ausgegliedert, da er zeitgleich Mitglied der Reichstheaterkammer, Fachschaft Artistik, war. Zu dieser Zeit lebte er in der Tauentzienstr. 7b, später dann in der Martin-Luther-Straße 13 in Berlin. Fred Kassen erlebte den allmählichen Erfolg des Meistersextetts mit und war maßgeblich daran beteiligt: Seine stimmliche Flexibilität und langjährige Erfahrung – nicht nur musikalischer Art, sondern auch mit Blick auf Bühnenwirksamkeit – ließen ihn schnell zu einem wichtigen Teil des Ensembles werden. Er fügte sich zurückhaltend in die Gesamtgruppe ein, trat aber auch mit solistischer Prägnanz hervor – etwa in dem Werbefilm für die Firma „Caspar Blume“ – und übernahm einen Großteil der auffälligen, wenn auch im Vergleich zur Ur-Gruppe deutlich selteneren Instrumentenimitationen. Dabei war er nicht nur öffentlich sichtbar eine zentrale Figur der neuen Besetzung, sondern auch im Hintergrund für das Meistersextett wirksam: So schrieb er etwa den Titel „Argentinisches Intermezzo“, den die Gruppe im Oktober 1937 aufnahm, und zeichnete für eine Reihe von Arrangements verantwortlich, darunter das 1936 auf Platte erschienene „In Mexico“ oder die rasante Peter-Igelhoff-Nummer „Das Fräulein Gerda“ von 1938.
Anfänglich erwarb sich Fred Kassen beim Meistersextett das Vertrauen von Robert Biberti und wurde mit weitreichenden Vollmachten ausgestattet, so unter anderem bei der Auswahl neuer Sänger. So vertrat er Biberti bei der Verhandlung gegen Blanke und Sengeleitner und hörte sich in Abwesenheit von Biberti das Vorsingen von Rudi Schuricke an. Kassens Brüder in Den Haag machten ab 1935 die Vertragsabschlüsse des Meistersextetts für die Niederlande. Ab Juli 1936 erhielt Fred Kassen 600 Reichsmark, 1937 dann 700 Reichsmark Festgehalt. Er wohnte jetzt in der Augsburger Straße 43. In einer Auseinandersetzung mit Biberti erkämpfte sich Fred Kassen ab 1938 als einziger ein monatliches Festgehalt von 800 Reichsmark, darüber hinaus erhielt er nach dem Ausscheiden von Erwin Bootz Vergütungen für Arrangements und seine Tätigkeit als Korrepetitor. Daneben nahm Fred Kassen zwischen 1937 und 1939 eine Reihe von Titel mit den Orchestern Eugen Wolff, Bernhard Etté, Adalbert Luther und Arne Hülphers auf Schallplatte auf, teilweise zusammen mit den Metropol-Vokalisten. Dazu zählen auch eigene Kompositionen wie „Meine gute Tante hat mir hundert Mark geschenkt“, „Carola-Carolina“, „Abendglocken“ oder „Es ist viel mehr als Sympathie“ sowie eine Werbeplatte für „Vademecum“-Zahnpasta.
Nach dem dritten Vertragsjahr erhoffte sich Fred Kassen die Einlösung des Versprechens von Biberti, nunmehr gleichberechtigter Gesellschafter des Meistersextetts zu werden. Doch Biberti lehnte dies – vermutlich aus finanziellen Gründen – ab. Es kam zum Krach, wobei sich Ari Leschnikoff, ab 1938 neben Biberti einziger Gesellschafter des Ensembles, auf die Seite von Fred Kassen schlug. Die Zerwürfnisse führten schließlich im Mai 1939 zu einem Geheimabkommen zwischen Herbert Imlau, Fred Kassen, Ari Leschnikoff und Rudolf Zeller, wonach diese ab dem 1. September 1939 ohne Biberti zusammen weiterarbeiten wollten. Nach dem Fernbleiben von Leschnikoff und dem Ausbruch des Krieges löste Biberti das Meistersextett auf und Fred Kassen erhielt am 9. September 1939 die außerordentliche Kündigung. Sein Versuch, bei der Reichsmusikkammer gegen die Kündigung vorzugehen, blieb erfolglos. Bei den Versuchen Anfang 1940, das Ensemble wieder in Gang zu bringen, bestand Biberti dann darauf, entgegen den Bestrebungen Leschnikoffs nur noch ohne Fred Kassen weitermachen zu wollen.
Über Kassens Aktivitäten während des Krieges ist wenig überliefert. Seine Ehefrau Nina Navarro war im Sommer 1941 im Rahmen der Aktion „Berliner Künstlerfahrt“ zur Truppenbetreuung in Dänemark eingesetzt, zusammen mit der Sängerin Edith Schollwer und der Kapelle Otto Stenzel. Kassens Soldatenlied „Ich schreibe meiner Mutter einen Brief“ aus dem Jahr 1942 wurde mit dem Orchester Helmut Koch aufgenommen, der Text massenhaft auf Feldpostkarten verbreitet. Unbestätigt ist die Aussage, Fred Kassen sei während des Krieges in Frankreich stationiert gewesen.
Ab November 1945 war Fred Kassen bei der amerikanischen Militärregierung im bayrischen Marktheidenfeld tätig und für die öffentliche Ordnung sowie die Zulassung von Versammlungen und Gruppierungen zuständig. Er betätigte sich als Ankläger in Entnazifizierungsverfahren und bekämpfte den Schwarzhandel, wobei es zu unrechtmäßigen Übergriffen und Enteignungen gekommen sein soll. Seine Frau saß im Vorzimmer des örtlichen Militärkommandanten und begann mit diesem ein Verhältnis. Später heiratete sie ihn und lebte mit ihm in Seattle.
Nach dem Krieg ließ Robert Biberti keine Gelegenheit aus, Kassen für den Zerfall des Meistersextetts mitverantwortlich zu machen und ihn nationalsozialistischer Einstellungen und der Denunziation bei der Reichskulturkammer zu bezichtigen. Am 14. November 1946 wandte er sich per Einschreiben an die Kammer der Kunstschaffenden im Berliner Entnazifizierungsausschuss und teilte u. a. mit, dass er im Entnazifizierungsverfahren von Fred Kassen „schwerwiegende Gegenargumente vorzubringen habe“. Kassen, der niemals Mitglied der NSDAP war, reagierte mit Gegendarstellungen, unter anderem sei er selbst von Biberti bei der Gestapo denunziert worden, wofür er Ende 1939 drei Tage lang in einem Berliner Gestapo-Gefängnis inhaftiert worden sei. In einem Prozess gegen Kassen wegen angeblicher Unterschlagungen kam es 1947 zu Vorladungen an Biberti, Imlau und Grunert beim Kammergericht Würzburg. Fred Kassen war ab Mai 1948 kurze Zeit inhaftiert und wurde von Robert Biberti im Gefängnis besucht. Biberti erschien jedoch nicht vor Gericht, der Prozess endete folgenlos.
Fred Kassen, der sich inzwischen von seiner Frau getrennt hatte, zog nach Bad Wiessee. Dort lernte er seine zweite Frau Alexandra Geller (* 30.1.1923) kennen. Anfang der 1950er Jahre gründete er in Rottach-Egern am Tegernsee in der Seestraße die Bar „Bei Fred“, die nur in den Sommermonaten geöffnet war. Daneben betrieb er die „Barock-Bar“ in München, Theatinerstr. 30, in der u. a. Kurt Rothenburg am Flügel saß. Etwa 1955 erwarb Fred Kassen den „Pfälzer Hof“ in München-Schwabing, Ursulastraße/Ecke Haimhauserstraße, und gestaltete ihn zum Künstlerlokal „Das Stachelschwein“ um. Am 2. Mai 1956 wirkte er im Bayrischen Rundfunk bei einer Sendung über die Comedian Harmonists mit. In seinem Lokal gründete sich Ende 1956 aus dem Kabarett „Die Namenlosen“ die „Münchner Lach- und Schießgesellschaft“, ein politisches Kabarett unter der Regie von Sammy Drechsel, mit Dieter Hildebrandt, Ursula Herking, Klaus Havenstein und Hans Jürgen Dietrich. Fred Kassen wurde deren Komponist und Pianist und schrieb die Musik zu den Programmen „Denn sie müssen nicht, was sie tun“ (1956), „Im gleichen Schrott und Trott“ sowie „Bette sich wer kann“ (1957) und „Eine kleine Machtmusik“ (1958). Auch hier musste er sich in eidesstattlichen Erklärungen gegen die Verleumdungen Bibertis zur Wehr setzen, die dieser inzwischen auf Behauptungen über Straftaten Kassens während seiner Zeit bei der US-Militärregierung erweiterte. Zu dieser Zeit wohnte Familie Kassen in der Bauerstraße 10 in München. Während einer Tournee der „Münchener Lach- und Schießgesellschaft“ im Sommer 1958 gestaltete Fred Kassen mit einem eigenen Ensemble im Schwabinger „Stachelschwein“ das Programm „Scherz lass nach“. Nach internen Auseinandersetzungen verkaufte Fred Kassen das Lokal an Sammy Drechsel und zog 1959 mit seiner Frau nach Köln. Hier gründete er im März 1959 in der Pipinstraße das Kabarett „Senftöpfchen“ und wurde dessen Direktor, Regisseur, Pianist und Komponist. Von ihm stammt u. a. das „Senftöpfchen-Lied“, das zum Markenzeichen der heute noch existierenden Bühne wurde. In den Programmen der 1960er Jahre traten namhafte Solisten wie Gert Fröbe, Brigitte Mira, Werner Schneyder und Hans Dieter Hüsch auf.
Fred Kassen starb am 7. April 1972 in Köln und hinterließ neben seiner Frau Alexandra seine 1956 geborene Tochter Alexandra Franziska sowie Stiefsohn Klaus und Enkelkinder. Ehefrau und Tochter führten das „Senftöpfchen“ nach Fred Kassens Tod weiter.

 


Unter Verwendung von Nachlässen und publizierten Quellen
sowie eines Artikels von Martin Harth in der „Main Post“ vom 7. Januar 2009.