Erwin Bootz

Erwin Werner Wilhelm BOOTZ

* 30.6.1907 in Stettin
† 27.12.1982 in Hamburg

 
Erwin Bootz wurde am 30. Juni 1907 in Stettin geboren. Die Familie Bootz wohnte damals in der Stettiner Ritterstraße. Sein Vater, August Bootz, geboren in Rothemühl/Uckermark, betrieb in der Splittstraße 3 in Stettin ab 1920 die Musikalienhandlung „Odeon-Musik-Haus“. Gegründet worden war sie von seiner zweiten Ehefrau Martha, geb. Brandstädter, die er 1906 nach dem Tod seiner ersten Frau heiratete. Im zweiten Stock des Hauses lag die Wohnung der Familie. Erwin Bootz hatte drei Geschwister und drei Stiefgeschwister. Darunter waren zwei Schwestern, Gerda und Erna. Sein Bruder Erich fuhr als Schiffskoch zur See.
Erwin Bootz begann im Alter von 4 Jahren, autodidaktisch Klavier zu spielen. Inspiriert wurde er unter anderem von den Schallplatten, die er im elterlichen Geschäft anhören konnte. Seit dem 10. Lebensjahr erhielt er Klavierunterricht, zwei Jahre später begann Erwin Bootz eine klassische Klavierausbildung am Loewe-Konservatorium in Stettin. Nach dem Abitur studierte er von 1924 bis 1928 an der Hochschule für Musik in Berlin Klavier, Gesang und Kompositionslehre. Neben dem Studium verdiente er sich Geld durch Klavierspiel, u. a. im Restaurant „Majowski“ in der Meinekestraße.

Im März 1928 brachte Ari Leschnikoff, der Erwin Bootz von der Hochschule kannte, diesen mit zu den Melodiemakers, die zu dieser Zeit einen Pianisten suchten. Sowohl Harry Frommermann als auch Theodor Steiner waren mit dieser Aufgabe wohl überfordert. Obwohl Erwin Bootz und Theodor Steiner am 24. April 1928 noch gemeinsam zu den Mitunterzeichnern eines Vertrages zwischen den Melodiemakers und dem Kabarett der Komiker für den Monat September 1928 gehörten, wurde schließlich Erwin Bootz Pianist der Gruppe, die sich ab September 1928 Comedian Harmonists nannte.
Erwin Bootz wurde eine unglaubliche Musikalität nachgesagt. Er beherrschte das Klavier perfekt bis in die kompliziertesten Tonlagen, spielte meist auswendig, konnte musikalisch phantasieren und improvisieren und moderne Schlager nach klassischen Vorlagen adaptieren. Er arrangierte einen Teil der von Harry Frommermann erarbeiteten Titel neu, insbesondere, um sie für die begrenzte Kapazität der damaligen Schallplattenaufnahmen zu kürzen. Er begleitete die monatelangen, mühsamen Proben der jungen Gruppe und war maßgeblich daran beteiligt, den Ensembleklang zu formen. Außerdem begann er zu komponieren. Aus seiner Feder stammen die Comedian-Harmonists-Titel „Du hast mich betrogen“, „Guten Tag, gnädige Frau“, „Ich hab’ für Dich ‘nen Blumentopf bestellt“ und „Schöne Isabella von Kastilien“. Erwin Bootz wohnte zu dieser Zeit zu Untermiete bei dem Pensionär Friedrich Nordhausen in der Schillerstraße 68 b in Berlin-Charlottenburg.

Zum Jahresende 1930 verließ Erwin Bootz das Ensemble. Die Gründe dafür sind nicht eindeutig feststellbar. Er widmete sich unter anderem dem noch sehr jungen Tonfilm, arrangierte die Musik für den Film „Hans in allen Gassen“ mit Hans Albers und wirkt selbst als Klavier spielender Pensionsgast in dem UFA-Film „Abschied“ mit. Von ihm stammen die Lieder „Reg Dich nicht auf, wenn mal was schief geht“ und „Wie schnell vergisst man, was einmal war“ aus diesem Film. Die Texte dazu schrieb Gerd Karlick, der hier wie auch bei „Ich hab’ für Dich ‘nen Blumentopf bestellt“ und bei weiteren gemeinsamen Liedern wie z. B. „Ich bin so scharf auf Erika“ oder „Warum lässt Du nichts mehr von Dir hören?“ ein kongenialer Partner für Bootz war. Beide hatten sich durch Zufall kennengelernt – Karlick war der Sohn der Zimmerwirtin Else Karlick in der Passauer Straße 27, wo Bootz seit 1930 lebte.
Die Comedian Harmonists nahmen im Dezember 1930 den studierten Pianisten Fried Walter (eigtl. Walter Schmidt) probeweise unter Vertrag, der aber schon nach sechs Wochen durch Walter Joseph von der Nelson-Bühne ersetzt wurde. Im Sommer 1931 erwogen die Comedian Harmonists kurzzeitig, Walter Joseph durch den Pianisten Adam Gelbtrunk vom Großen Schauspielhaus Berlin zu ersetzen. Doch zum August 1931 kehrte Erwin Bootz wieder zu den Comedian Harmonists zurück, wohl weil deren wachsender künstlerischer Erfolg eine sichere Einnahmequelle war. Unklar bleibt, ob und an welchen Schallplattenaufnahmen im ersten Halbjahr 1931 Erwin Bootz als Pianist beteiligt war.
Ab 1932 wohnte er im Barnayweg 1 in Berlin-Friedenau. 1933 heirate Erwin Bootz Ursula Elkan aus Frankfurt am Main (* 6.9.1910 in Karlsruhe – † 1.3.2004 in Beverly Hills, USA), die Tochter des jüdischen Bildhauers Benno Elkan. Gemeinsam mit den anderen Ensemblemitgliedern erlebte er die zunehmen Restriktionen der Nationalsozialisten im Kulturbereich und die Ausgrenzung jüdischer Künstler. 1935 wurde Erwin Bootz wie auch Robert Biberti und Ari Leschnikoff in die Reichskulturkammer aufgenommen und erhielt die Mitgliedsnummer I/12824, während die jüdischen Mitglieder Harry Frommermann, Roman Cycowski und Erich Collin nicht aufgenommen wurden, was zur Trennung der Gruppe führte.
Bootz, der offenbar immer sehr unter dem Einfluss von Robert Biberti stand, war nach der Gründung der deutschen Nachfolgegruppe Meistersextett einer ihrer Inhaber und blieb Pianist der Gruppe. Allmählich gelang es der neuen Gruppe, wieder abendfüllende Konzerte zu veranstalten und neue Schallplatten aufzunehmen, auch wenn das Repertoire wegen des Verbots jüdischer Autoren zunächst stark eingeschränkt war. Bootz arrangierte Volkslieder und bekannte Schlager für das Meistersextett und komponierte die Titel „Solimah“, „Jede Stunde ohne Dich ist eine Ewigkeit für mich“ und „Oh, ich glaub ich hab mich verliebt“. Bruno Seidler-Winkler beschwerte sich einmal, das seien „alles musikalische Notenrätsel, grauenhaft, alles Ces-, Ges- und Des-Dur, so schwer, dass mans kaum vom Blatt spielen kann!“.

Gemeinsam mit Robert und Hilde Biberti unternahm Erwin Bootz im Juni 1936 eine Schiffsreise mit der S.S. Europa in die USA. Familie Bootz war inzwischen in eine neue Wohnung am Kurfürstendamm 24 gezogen. Die Beziehung zu seiner Ehefrau war bereits gestört, im Sommer 1937 verließ Ursula Bootz ihren Mann, 1938 folgte die Scheidung. Dies hat ihm später den Vorwurf eingebracht, dass er sich von ihr scheiden ließ, weil sie Jüdin war, was Erwin Bootz stets bestritten hat. Er zog in eine neue Wohnung in der Zähringer Straße 14.

In die Auseinandersetzung mit der Reichskulturkammer um die Führung des Namens Meistersextett mit dem Zusatz „früher Comedian Harmonists“ schaltete sich Erwin Bootz noch persönlich ein und hatte hierüber im September 1937 eine Unterredung mit dem Präsidenten der Reichsmusikkammer, Dr. Peter Raabe. Doch im Frühjahr 1938 verließ er endgültig das Meistersextett und übernahm im Juni die künstlerische Leitung des Kabaretts der Komiker (KadeKo) am Lehniner Platz unter dessen neuem Direktor Willi Schaeffers. Mit dem von Bootz zusammengestellten zehnköpfigen Orchester des KadeKo bestritt er die neue Spielsaison ab September 1938, das Eröffnungsprogramm hieß „Das fängt ja gut an!“. Es gab monatlich neue bunte Programme mit Musik, Tanz, Artistik und Clownerie, Matineen und Tanztees. Zu den Mitwirkenden zählten Teddy Stauffer, Olga Rinnebach, Heinz Ehrhardt, Peter Igelhoff und Lale Andersen. Erwin Bootz komponierte und arrangierte, sang und spielte teilweise selbst mit, u. a. parodierte er Igor Schaljapin und Paul Robeson.

Daneben gestaltete das Kabarett auch Kleinkunst-Revuen wie „Der Apfel ist ab“ von Helmut Käutner. Für den Einakter in vier Bildern schrieb Erwin Bootz die Musik. Darsteller waren unter anderem Robert Dorsay, Lizzy Waldmüller, Willi Schaeffers, Hubert von Meyerinck und Eric Ode (eigtl. Erich Odemar). Auch für die Revuen „Es geht nicht ohne Liebe“ im Januar 1939, u. a. mit Claire Waldoff und Werner Finck, sowie für „Märchen aus 1001 Nacht“ im Februar 1939 und „Für viele vieles“ im März 1939 komponierte Erwin Bootz die Musik. Ab Mai 1939 begab sich das Ensemble mit dem Programm „Fanfaren: Der Mai ist gekommen“ auf Deutschland-Tournee und gastierte u. a. in Hamburg, Hannover, Frankfurt, Chemnitz, Dresden und Mannheim.
Mit dem Orchester des KadeKo machte Erwin Bootz 1938 auch einige Schallplattenaufnahmen, so auf EG 6527 als „Erwin Bootz und sein Orchester“ mit „Guten Abend, liebes Publikum“ und auf EG 6528 mit „Ein kleiner Accord“ (Igelhoff/Schwenn) und „Ein kleiner Roman“ (Volkner/Brink). Daneben komponierte Bootz weiter Schlager, z. B. „Die bezauberndste Nacht der Saison“ und „Ich hab zwei süße Schwestern“.
Auch nach Kriegsausbruch blieb Erwin Bootz musikalischer Leiter des Kabaretts der Komiker und schrieb die Musik und teilweise auch die Texte für die Revuen „Das spricht Bände“ (1939) und „Solange es noch Liebe gibt“ (1940), in der er einen Troubadour mimte. Ferner wirkte er ab Januar 1940 im Wunschkonzert der Wehrmacht mit, wo er beliebte Tanzschlager aneinander reihte und daraus aktuelle politische Glossen machte. Anfang 1941 führte ihn ein Gastspiel nach Posen. Er wurde in der Fachschaft Artistik der Reichsmusikkammer geführt (Mitglieds-Nr. 10697), zudem war er Mitglied im Verband deutscher Bühnenschriftsteller und -komponisten.

Im August 1940 heiratete Erwin Bootz seine zweite Ehefrau Ruth Helene Marie Sametzki (geboren am 9.8.1910 in Berlin, gestorben etwa 1996), die eine Tochter mit in die Ehe brachte. Sie soll seine Jugendliebe gewesen sein. Im gleichen Jahr löste er seinen Vertrag mit dem KadeKo, um mehr solistisch auftreten zu können. In der Folge war er als Pianist mit Instrumental-Titeln auch an Schallplattenproduktionen beteiligt, u. a. „Kálmán-Melodien/Léhar-Melodien“ mit einem Tanz-Streichorchester (PHILIPS PH4102H) und „Schattenspiele/Was eine Frau im Frühling träumt“ mit dem Orchester Frank Fux (Telefunken A 10339).
Er unternahm Tourneen mit dem Ensemble des Kabarett der Komiker für die Organisation „Kraft durch Freude“ unter dem Titel „Frühling und Liebe“ mit Musik von Peter Kreuder und eigenen Kompositionen, musikalischen Bearbeitungen und Texten. Sie führten ihn im April und Mai 1941 nach Danzig, Dresden, Chemnitz und Halle. Er sang auch weiter selbst Lieder wie „Ich bin ja so schüchtern“ und „Ich bin ja so bescheiden“ sowie tagesaktuelle Parodien zur Musik aktueller Schlager. 1941 komponierte er das Walzerlied „Mit Dir im Paradiese“ mit einem Text von Helmut Käutner und den Tango „Der erste Schritt ist ein Tangoschritt“. Im Sommer dirigierte er das Gastspiel des KadeKo mit „Der Apfel ist ab“ in München. Ende August 1941 hatte im KadeKo in Berlin die Revue „Träum von mir“ Premiere, für die Erwin Bootz Text und Musik schrieb.
Daneben arbeitete er als Filmmusiker für die Bavaria München in „Warum nur träumen?“ (1941), „Alles für die Gäste“ (1942) und „Der Alpinist“ (1942, abgebrochen). Er war auch Mitglied des Regiestabes der Deutschen Zeichenfilm GmbH und verantwortlich für die Geräuschuntermalung des Zeichentrickfilms „Um einen Knochen“.

Im Februar 1942 wurde Erwin Bootz Gefreiter in einem Luftnachrichtenregiment an der Nordsee. Doch schon bald wurde er aufgrund seiner künstlerischen Fähigkeiten uk-gestellt und erhielt ein Engagement für das Amt Truppenbetreuung des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda. Im Rahmen der „Berliner Künstlerfahrt“ wirkte er in Veranstaltungen vor verschiedenen Truppenverbänden in Deutschland, in den Niederlanden, Frankreich und in der Tschechei mit. Ab August 1943 wurde Erwin Bootz durch die Hauptgeschäftsführung der Reichskulturkammer kriegsdienstverpflichtet und bestritt gemeinsam mit anderen Künstlern Truppenkonzerte in und um Berlin sowie im Juni 1944 am Soldatensender Belgrad. Zu dieser Zeit wurde sein Sohn Michael geboren.
Zum Ende des Krieges wurde Erwin Bootz in Berlin noch zum Volkssturm eingezogen, Hitlers letztem Aufgebot zur Verteidigung der Reichshauptstadt.

Nach dem Krieg wurde Erwin Bootz als Unbelasteter „entnazifiziert“. Er blieb in Berlin und nahm sofort seine künstlerische Tätigkeit wieder auf, u. a. in einem Kabarett der Kleinkunst in Berlin-Zehlendorf. 1945 wurde die Ehe mit seiner zweiten Frau geschieden. Seine Wohnung, die er noch bis 1950 bewohnte, war im Krieg unversehrt geblieben.
Im Februar 1946 spielte Erwin Bootz mit dem wiedererstandenen KadeKo in dessen provisorischer Spielstätte im Kronen-Filmtheater in Berlin-Friedenau Variationen über Paganini. Ab Juli 1946 trat er mit musikalischen Phantasien und Parodien in der Neuen Scala am Nollendorfplatz in Berlin auf. Im Dezember gründete er dort die Gesangsgruppe Singing Stars mit 8 Sängerinnen. Er nahm auch den Kontakt mit Biberti wieder auf und tauschte mit diesem Schallplatten der Comedian Harmonists und des Meistersextetts. 1947 gab er gemeinsam mit Henry Lorenzen ein Gastspiel in Leipzig. 1949 gestaltete der eine Radiosendung beim Süddeutschen Rundfunk, der zahlreiche weitere folgen sollten.

In den 1950er Jahren war Erwin Bootz in verschiedenen Bereichen künstlerisch aktiv, vor allem bei der Synchronisation von Spielfilmen. In der ersten deutschen Synchronfassung des amerikanischen Zeichentrickfilms „Gullivers Reisen“ von 1939 sprach Erwin Bootz 1949 die Stimme des Pepi. 1952 sprach er in „Die Wüstensöhne“ (Sons Of The Desert) die Rolle von Stan Laurel. Neben weiteren Sprechrollen schrieb er bis 1959 für zahlreiche ausländische Filme die Dialogbücher und führte teilweise auch die Synchronregie, überwiegend bei der Rank-Film Synchronproduktion in Hamburg. Daneben entstanden weitere Schallplattenaufnahmen, u. a. 1954: „Wie das so üblich ist/Kuckuck – rate mal wer ich bin?“ (Polydor 49156), gesungen von Evelyn Künneke, begleitet von Werner Müller mit dem RIAS-Tanzorchester Berlin. Im Dezember 1955 moderierte Erwin Bootz gemeinsam mit Hubert von Meyerinck die Rundfunksendung „Erinnerungen an das Jahr 1924“, in der er selbst Klavier spielte und sang. Außerdem spielte er an zwei Klavieren gleichzeitig. 1956 wirkte Erwin Bootz als Sprecher bei einigen Märchen-Schallplatten mit, so in „Des Kaisers neue Kleider“ (POLYDOR 55008 KN), „Das tapfere Schneiderlein“ (POLYDOR 55009) und „Märchen aus 1001 Nacht“ (Sternchen 009 513), sowie in einer Auskopplung „Sindbad der Seefahrer“ (Polydor 55013). Im selben Jahr war er nach Hamburg in die Sierichstraße 48 verzogen. Dort lernte er seine spätere dritte Frau Helga (Helli) Margarethe Gade, geboren am 28.4.1933, kennen, eine gelernte Modezeichnerin, die in Hamburg Musik studierte.

Im Juni 1956 gestaltete Erwin Bootz eine Radiosendung über die Comedian Harmonists unter dem Titel „Meistersinger der Kleinkunst – die Comedian Harmonists und ihre Zeit“, die in regionalen Programmen ausgestrahlt und mehrfach wiederholt wurde. Im November entstand die Radiosendung „Der klingende Zauberladen“ bei Radio Bremen, in der Bootz die Ansagen zu historischen Aufnahmen machte. Im gleichen Jahr moderierte er eine Sendung mit dem Titel „Sechs Herren im Frack“ im Südwestfunk Baden-Baden. Im Januar 1957 sang er in der Sendung „Das Magazin“ des Norddeutschen Rundfunks mehrere Titel, unter anderem „In der Bar zum Krokodil“. 1958 schrieb Erwin Bootz das Dialogbuch für die deutsche Synchronfassung des amerikanischen Films „Die Letzte Nacht der Titanic“. Eine weitere Serie von Radiosendungen aus dem Jahr 1959 hieß „Noch leuchten ihre Sterne – Musikalischer Monatskalender von Erwin Bootz“.

Im Oktober 1959 übersiedelte Erwin Bootz nach Toronto/Kanada zu seiner Schwester Gerda und deren Ehemann Fritz. Da er erst ein Jahr lang Mitglied der Musikergewerkschaft sein musste, um offiziell auftreten zu können, scheiterten seine Versuche zur Gründung eines Musik-Kabaretts. Er arbeitete zunächst als Versicherungsvertreter bei der Holland Insurance Company, danach als Vertreter für die Fa. Dr. Oetker. 1961 erhielt er sein erstes Engagement als Pianist, im Juli des gleichen Jahres heiratete er in Toronto seine dritte Frau Helli, die zu ihm nach Toronto gezogen war. Ab November 1962 spielte Erwin Bootz in verschiedenen Hotelrestaurants. Schnell macht er sich musikalisch einen Namen, und im Dezember 1964 trat er im kanadischen Fernsehen in der Sendung „Nightcap“ mit klassischen Variationen der Filmmusik aus „Never on Sunday“ (dt.: „Ein Schiff wird kommen“) auf. Außerdem gestaltete er von Kanada aus Sendungen für deutsche Rundfunkhörer, indem er die Musik auswählte und die Kommentare auf Band sprach. So entstanden 1965 die Sendung „Erinnerungen an die Comedian Harmonists“ und 1966/67 die Sendereihe „Aus der Mottenkiste“ des Süddeutschen Rundfunks. Helli Bootz arbeitete währenddessen als Schaufensterdekorateurin einer großen Modehaus-Kette.
1971 kehrte Erwin Bootz mit seiner Frau nach Deutschland zurück. Sie lebten zunächst im Hamburger Stadtteil Rissen, Erwin Bootz war aber überwiegend am Schauspielhaus Bochum bei Peter Zadek tätig. Dort schrieb er unter anderem die Musik zu der vierstündigen Revue „Kleiner Mann was nun?“ (1972) nach der Erzählung von Hans Fallada, zu „Professor Unrat“ nach Heinrich Mann (1973) sowie für „Das Käthchen von Heilbronn“. Er nahm 1973 mit dem Ensemble des Bochumer Schauspielhauses mit dem Stück „Kleiner Mann, was nun?“ auch an einem Theaterfestival in London teil. Im gleichen Jahr schrieb Erwin Bootz die Musik zu der Revue „Das kunstseidene Mädchen“ nach dem Roman von Irmgard Keun für das Bremer Schauspielhaus. Daneben produzierte er weitere Folgen der Radiosendung „Aus der Mottenkiste“. Außerdem spielte Erwin Bootz 1973 in dem Spielfilm „Die Zärtlichkeit der Wölfe“ (mit Rainer Werner Fassbinder) einen Pianisten und gab dort das Lied „In der Bar zum Krokodil“ zum Besten. Der Film stellt die Geschichte des Serienmörders Fritz Haarmann dar. Im Dezember desselben Jahres war er als Pianist an der WDR-Fernsehproduktion von „Kleiner Mann, was nun?“ beteiligt. Gemeinsam mit Wilhelm Borgers besorgte er die Übersetzung des Romans „The Vivisector“ des australischen Literatur-Nobelpreisträgers Patrick White, die deutsche Ausgabe erschien unter dem Titel „Der Maler“.

1974 begleitete Erwin Bootz Gesangsaufnahmen von Blandine Ebinger, mit der die Comedian Harmonists bereits 1930 auf Tournee waren und den Spielfilm „Kleiner Mann, was nun?“ drehten. In der Berliner Akademie der Künste wurden die Titel „Currende“ und „Die Trommlerin“ eingespielt. Am Ende desselben Jahres lief im deutschen Fernsehen eine gekürzte Fassung der Bochumer Aufführung von „Kleiner Mann, was nun?“. Durch die Wiederveröffentlichung der Comedian-Harmonists-Aufnahmen auf Langspielplatten erhielt Erwin Bootz nun auch wieder Tantiemen. Robert Biberti hatte gönnerhaften auf ein Drittel der neuen Einnahmen verzichtet, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Erwin Bootz an einigen der wiederveröffentlichten Aufnahmen nicht beteiligt war und auch keine weiteren Ansprüche habe.
Im Dezember 1975 wurde Erwin Bootz in Hamburg und im Januar 1976 in Bochum von Eberhard Fechner für dessen Fernsehdokumentation „Comedian Harmonists – Sechs Lebensläufe“ interviewt. 1976 führte er einen Rechtsstreit mit Robert Biberti wegen der Tantiemen seit seinem Ausscheiden aus dem Meistersextett im Jahre 1938. Ende Juni 1976 feierte Erwin Bootz seinen 69. Geburtstag bei einem Gastspiel im Dresdener Kabarett Herkuleskeule, wo ihm die „Dresdner Vokalisten“ ein Ständchen im Stil der Comedian Harmonists brachten. Im September 1976 moderierte er eine Sendung im (Ost-)Berliner Rundfunk sowie die Radiosendung „Altmeister der Unterhaltung“ beim Bayrischen Rundfunk.
1977 entstand eine weitere Aufnahme von Blandine Ebinger mit Klavierbegleitung durch Erwin Bootz: „Auf Wiederseh’n“, das berühmte Abschiedslied von Mischa Spoliansky, das die Comedian Harmonists meist am Ende ihrer Konzerte sangen, aber nie auf Schallplatte aufnahmen: „Auf Wiederseh’n, auf Wiederseh’n, auf Wiederseh’n – irgendwo in der Welt! Es kommt der Tag, da werden wir uns wiederseh’n – irgendwo in der Welt! Vergeht auch noch so manches Jahr – niemals vergess’ ich, wie schön es war. Auf Wiederseh’n, auf Wiederseh’n, auf Wiederseh’n – irgendwo in der Welt!“. Mit weiteren Spoliansky-Liedern traten Erwin Bootz und Blandine Ebinger im September 1977 auch im Berliner Renaissance-Theater auf.

Erwin Bootz moderierte Ende der 1970er Jahre die Radiosendung „Der klingende Zauberladen“ mit historischen Schallplattenaufnahmen. Hauptsächlich arbeitete er aber weiter am Schauspielhaus Bochum. So schrieb er Anfang 1980 die Musik und Klavierbegleitung zu „Lieber Georg“ von Thomas Brasch, die Geschichte des expressionistischen Dichters Georg Heym, der 1912 im Alter von 24 Jahren beim Eislaufen auf der Havel ertrank. Im selben Jahr schrieb er die Musik zu „Jeder stirbt für sich allein“ nach dem Roman von Hans Fallada, einer Inszenierung von Peter Zadek und Gottfried Greiffenhagen am Schillertheater Berlin. Daneben komponierte Erwin Bootz auch Filmmusik, so für den Animationsfilm „Die vier Jahreszeiten“ von Lotte Reiniger.
Im Mai 1977 gab es ein Wiedersehen zwischen Erwin Bootz und Roman Cycowski in einem Hotel in Hamburg. 1978 besorgte Bootz die musikalische Begleitung zu „In 80 Tagen um die Welt“ nach Jules Verne am Staatlichen Schauspielhaus Hamburg, die Uraufführung war am 26.11.1978. Im gleichen Monat hatte er den einzigen bekannten gemeinsamen Fernsehauftritt mit Robert Biberti in der Sendereihe „Berliner Fenster“.
Im Juli 1980 trat Erwin Bootz im damaligen Tempodrom am Potsdamer Platz in Berlin eine Woche lang in dem Programm „Von Balkonien bis Feuerland – Eine Urlaubsrevue für Daheimgebliebene“ auf. Er erzählte aus der Zeit der Comedian Harmonists und spielte auf einem mitten in der Manege stehenden Flügel Lieder wie „Mein kleiner grüner Kaktus“ und „Heut fahr’ ich mit Dir in die Natur“ sowie seine Variationen zu „Never on Sunday“.
1981 gab Erwin Bootz in Köln beim Festival „Theater der Welt“ ein anderthalbstündiges Soloprogramm. Ein Engagement für „In 80 Tagen um die Welt“ am Bremer Theater musste er aus gesundheitlichen Gründen absagen.

Erwin Bootz spielte leidenschaftlich Schach, liebte Katzen und war Mitglied des Freundschaftsbundes „Schlaraffia“ zur Pflege von Kunst und Humor. Die Comedian Harmonists waren nur eine Episode in seinem Leben, denn er strebte ursprünglich schon immer eine Solokarriere an.
Erwin Bootz starb am 27. Dezember 1982 in Hamburg an den Folgen eines Herzinfarktes. Sein Grab befindet sich dank der Unterstützung durch Freunde der Comedian Harmonists noch immer auf dem Friedhof in Blankenese.

Sein Sohn Michael, geb. am 15.6.1944, ist studierter Musiker, lebt in Berlin, arbeitete als Drehbuchautor, Filmkomponist und Geräuschsynchronisator und ist als Autor und Kabarettist tätig. Die Stieftochter von Erwin Bootz heiratete nach Amerika.
Ursula Elkan lebte nach der Scheidung zunächst in Paris und emigrierte im Oktober 1939 per Schiff von Le Havre nach New York. Dort arbeitete sie für einen Innenarchitekten, später für einen Kunsthändler, nach Kriegseintritt auch für die amerikanische Regierung und stellte im Dezember 1944 einen Einbürgerungsantrag in die USA. Nach dem Krieg heiratete sie den amerikanischen Fernsehautor Joel Hammil, bekam 1946 eine Tochter und 1948 ein zweites Kind. Sie war danach als Modedesignerin tätig und starb im März 2004 in Beverly Hills. Ihre Eltern hatten den Krieg in England überstanden, ihr Vater schuf die steinerne Menorah vor dem israelischen Parlament. Ihr Bruder Wolf war Chirurg mit eigener Praxis in New York und arbeitete mit dem Sauerbruch-Nachfolger Prof. Nissen zusammen.
Helli Bootz lebte bis zu ihrem Tod am 21.11.2015 in Hamburg.

 


Unter Verwendung von Nachlässen und publizierten Quellen.