Ernst Engel

von Broody
 

Ernst ENGEL

* 20.2.1901 in Berlin
† 6.6.1958 in Paris

 
Ernst Engel wurde am 20. Februar 1901 als Sohn eines jüdischen Kaufhausbesitzers in Berlin geboren. Nach dem Besuch des Gymnasiums studierte er Musikwissenschaft und Philosophie in München, nach anderen Quellen auch Klavier und Komposition an der Hochschule für Musik in Berlin. Ab 1926 war er Barpianist, spielte im Rundfunk, bei Schallplattenaufnahmen und später auch bei der UFA. Er soll einige weitere Instrumente sowie mehrere Fremdsprachen beherrscht haben.
Ab 1929 war Ernst Engel Pianist der neu eröffneten „Jockey-Bar“ in der Lutherstraße 2 in Berlin, wo er für 15 Reichsmark pro Abend das vornehme Publikum mit seiner exzellenten Spielweise begeisterte und das Repertoire von Klassik bis Jazz beherrschte, wobei er verschiedene Stilrichtungen meisterhaft miteinander verknüpfte. Im selben Jahr heiratete er seine erste Frau Ilse, geborene Würzler (* 1909). 1931 wohnte Familie Engel in Berlin-Charlottenburg, Lietzenseeufer 9b, ab 1933 in Berlin-Zehlendorf in der Spandauer Str. 121, die kurz darauf in Onkel-Tom-Straße umbenannt wurde.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde auch Ernst Engel von den Restriktionen gegen jüdische Künstler betroffen. Bei einer Kontrolle durch die Reichsmusikkammer in der „Jockey-Bar“ wurde im November 1934 festgestellt, dass Ernst Engel noch ohne Mitgliedsausweis der Reichsmusikkammer war. Er hatte keinen Fragebogen zu seinen persönlichen Verhältnissen und Engagements abgegeben. Daraufhin wurde er von der Kontrollabteilung der Reichsmusikkammer zu einer Aussprache vorgeladen. Danach führte ihn die Reichsmusikkammer ab November 1934 als „Volljude, Pianist“ und verzeichnete ihn in der „Liste über Nichtarier“ unter der Mitgliedsnummer 13672. Die endgültige Ablehnung des Aufnahmeantrages zur Reichsmusikkammer erfolgte mit Schreiben vom 22. August 1935. Der Brief trägt den Vermerk „unbekannt verzogen“. Zu dieser Zeit lebte Ernst Engel bereits in Wien, wohin er mit seiner ersten Frau Ilse übergesiedelt war und wo er am 15. April 1935 als Pianist der Comedy Harmonists engagiert wurde. Mit der Gruppe absolvierte er zahlreiche Konzerttourneen in Österreich, der Schweiz, Frankreich, Skandinavien, Italien, den Niederlanden, Russland, Tschechien, Belgien und Luxemburg. Er wirkte an mehreren Plattenaufnahmen in Paris, Kopenhagen, Wien und Stockholm sowie gemeinsam mit der Gruppe an zwei Spielfilmen mit.
Offenbar gab es mit Ernst Engel Disziplinschwierigkeiten, weil er nicht zu Proben erschien, zunehmend unzuverlässig war und gelegentlich auch zu viel trank. Die Comedy Harmonists machten ab Anfang April 1936 in Paris und Wien und später auch in Leningrad Proben und Testaufnahmen mit zwei unbekannten Pianisten. Während der Russland-Tournee führten Harry Frommermann, Erich Collin und Roman Cycowski mehrmals Aussprachen mit Ernst Engel und Ende März 1937 trennte sich die Gruppe bei einem Gastspiel in Paris endgültig von ihm. Nach anderen Quellen wollte Engel mit seiner schwangeren Frau nicht mehr durch die Welt reisen und zog es vor, in Paris zu bleiben. Die Comedy Harmonists engagierten schließlich im Sommer 1937 in Paris Fritz Kramer als neuen Pianisten.
Ernst Engel trat in Paris wieder als Barpianist auf und lebte zunächst im „Hotel Moderne“, später in Le Raincy 48, Allée du Cotau. Im September 1937 wurde sein Sohn Michael geboren, im Oktober 1938 seine Tochter Babette. Kurz darauf trennte sich Engel von seiner ersten Frau. Mit seiner neuen Lebensgefährtin Nina Weichberger (1914–1999) gehörte er zum Künstlerkreis um Jean-Paul Sartre, Simone de Beauvoir, Heinz Berggruen und den Maler Wols.
Nach der Kriegserklärung Frankreichs an Deutschland wurde Ernst Engel 1939 im Pariser Gefängnis Santé interniert. Danach verbrachte er einige Zeit in verschiedenen Internierungslagern, unter anderem in Fresnes, Marseille, Gurs, Les Milles und Septfonds, wo er in Lagerkapellen musizierte. Zwischenzeitlich überlebte er eine schwere Tuberkulose. Gegen Ende der Besatzungszeit wurde er sogar freigestellt, um Musikstunden und Hauskonzerte zu geben. Seine erste Ehe wurde 1941 geschieden. 1942 gelang ihm die Flucht aus dem Arbeitslager Septfonds, und er konnte sich auf dem Land verstecken. Nach der Befreiung Frankreichs heiratete Ernst Engel 1944 seine Lebensgefährtin Nina. Er verdiente ab 1945 seinen Lebensunterhalt wieder als Barpianist in Paris, unter anderem in der „Bar de Schubert“ und im „Le Chaplin“. Im selben Jahr wurde sein Sohn Tobias geboren, 1947 sein Sohn Nikolas und 1948 sein Sohn David. Inzwischen spielte Ernst Engel im „Café Central“ in Paris, Boulevard Poissiniere.
Ernst Engel litt an der Parkinson-Krankheit, was ihn ab Mitte der 1950er Jahre zunehmend in seiner künstlerischen Tätigkeit einschränkte. Ende 1957 kehrte er nach Deutschland zurück und stellte einen Wiedergutmachungsantrag bei den deutschen Behörden. Er wollte sich mit seiner zweiten Frau und den gemeinsamen drei Kindern in Bremen niederlassen. Aufgrund von Streitigkeiten innerhalb der Familie kehrte er aber Anfang 1958 nach Paris zurück, wo er am 6. Juni 1958 verstarb.

 


Unter Verwendung von Nachlässen und publizierten Quellen sowie nach Pasdzierny (2013).