Alfred Grunert

von Broody
 

Alfred Fritz GRUNERT

* 21.10.1900 in Güldenhof
† 21.1.1982 in Hamburg

 
Alfred Grunert wurde am 21. Oktober 1900 in Güldenhof (heute Złotniki Kujawskie, Polen) geboren, einem Dorf im damaligen Landkreis Inowrazław, Provinz Posen (ab 1904 bis 1918 sowie 1939 bis 1945 Landkreis Hohensalza). Er absolvierte eine Ausbildung als Sänger und Schauspieler an der Reicher’schen Hochschule für dramatische Kunst in Berlin-Charlottenburg und bei Professor Hummerl, Berlin. Danach trat er an der Berliner Volksbühne, im Theater am Nollendorfplatz und an der Großen Volksoper Berlin auf. Aus den Jahren 1929 bis 1931 ist eine Reihe von Schallplattenaufnahmen Grunerts bekannt. So nahm er 1929 mehrere Lieder von Hermann Hesse auf, zu denen er sich selbst am Klavier begleitete. Ferner machte er Aufnahmen als Refrainsänger für die Firma Columbia mit deren Tanzorchester unter Leitung von Eddie Saxon (= Otto Dobrindt), unter anderem „Ich hab dich einmal geküsst“, „Das Blumenmädchen von Neapel“, „Geh’ nicht an mir vorbei, Liebling“, „Leopold, tu’ doch nicht so“ und andere. Von 1930 bis 1932 sang Alfred Grunert in der Bar „Kakadu“ in der Joachimsthaler Straße 10, begleitet von der Kapelle Max Herrnsdorf. Daneben trat er in Varietés auf, so 1930 im „Wintergarten“ in Nürnberg, und sang in französischen Versionen deutscher Kinofilme. 1935 folgten weitere Aufnahmen mit dem Tanzorchester Gerhard Hoffmann vom Berliner Hotel Excelsior, unter anderem „Gute Nacht“ (Blue moon), „Die ganze Welt macht Tanzmusik“ oder „Mit Dir in einer Frühlingsnacht“. Im Frühjahr 1936 erfolgten Aufnahmen für die Marke Brillant Special mit der Kapelle Eugen Jahn: „Mein Schatz ist bei der Infanterie“ und „Die schöne Nachbarin“.
Als er Ende 1935 durch Kontrolleure der Reichsmusikkammer im Hotel Excelsior als Refrainsänger der Kapelle Gerhard Hoffmann angetroffen wurde, musste sich Alfred Grunert einer Prüfung als Sänger unterziehen, da er bis dahin nur Mitglied der Reichstheaterkammer war. Nachdem seine stimmlichen Qualitäten für gut befunden wurden, erfolgte seine Aufnahme in die Reichsmusikkammer.
1936 wohnte Alfred Grunert in der Würzburger Straße 17 in Berlin. Im Juni 1936 wurde er als zweiter Tenor beim Meistersextett angestellt und löste Zeno Costa ab, der im Sommer 1936 vorübergehend in der Gruppe mitgewirkt hatte. Neben noch bestehenden Engagements probte er zunächst individuell mit Fred Kassen. Allerdings stand dem Beginn der Gruppenproben am 3. August 1936 sowie gemeinsamen öffentlichen Auftritten zunächst im Wege, dass er am 18. Juli 1936 aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen worden war. Durch eine gezielte Denunziation wurde ihm eine intime Beziehung zu einer „nichtarischen“ Gesangslehrerin vorgeworfen, die ihm eine Anzeige wegen „Rassenschande“ einbrachte. Zwar führte Alfred Grunert an, dass dieses Verhältnis bereits 1932, also lange vor dem Inkrafttreten der sogenannten Nürnberger Rassengesetze beendet war, und legte gegen seinen Ausschluss Widerspruch ein. Doch weder dieser noch die persönliche Intervention von Robert Biberti bei der Reichsmusikkammer führten zunächst zu einem positiven Ergebnis, so dass das Meistersextett vorerst nur Film- und Schallplattenaufnahmen unter Beteiligung von Zeno Costa absolvieren konnte. Erst im November führten die Absprachen mit der Reichsmusikkammer zu einem ersten Auftritt in der neuen Besetzung, zu der auch Herbert Imlau gehörte. Alfred Grunert erhielt zunächst ein vertraglich festgeschriebenes Monatsgehalt von 500 Reichsmark plus Spesen. Jedoch holte ihn der lange Arm des Gesetzes noch einmal ein: Da er noch immer nicht Mitglied der Reichsmusikkammer war und auch keine sonstige förmliche Auftrittsgenehmigung besaß, wurde er nach einem Konzert des Meistersextetts am 27. Januar 1937 in der Berliner Philharmonie zu einer polizeilichen Beschuldigtenvernehmung vorgeladen. Grunert hatte darauf vertraut, dass sich mit der Einstellung des Strafverfahrens wegen „Rassenschande“ gegen ihn die Sache erledigt habe. Außerdem war er noch immer Mitglied der Fachschaft Artistik der Reichstheaterkammer. Nach weiteren Verhandlungen, bei denen Robert Biberti als Fürsprecher Grunerts auftrat, wurde der Ausschluss aus der Reichsmusikkammer schließlich im Mai 1937 offiziell aufgehoben. Ab 1937 wohnte Alfred Grunert in Berlin-Steglitz, Schildhornstraße 47. Bereits ab Dezember 1936 erhielt er 610 Reichsmark monatliches Gehalt. In den Gesamtklang der Gruppe passte er sich mit seiner flach timbrierten Stimme unauffällig und harmonisch ein. Zwar beteiligte sich Alfred Grunert 1938 an den Forderungen von Fred Kassen und Herbert Imlau nach höheren Gagen und Ganzjahresverträgen, woraufhin er ab Herbst 1938 dann 700 Reichsmark Monatsgehalt erhielt, ansonsten verhielt er sich aber sehr loyal gegenüber Biberti. Das brachte ihm den Argwohn der übrigen Mitglieder, insbesondere von Kassen, Imlau und Leschnikoff ein, so dass er auch nicht in das Geheimabkommen vom Mai 1939 eingeweiht wurde, mit dem die Genannten und Rudolf Zeller vereinbarten, das Meistersextett ab September 1939 nur noch ohne Robert Biberti weiter betreiben zu wollen. Schließlich kam es aber anders: Am 9. September 1939 erhielt Alfred Grunert nach dem Ausbleiben von Leschnikoff und dem Ausbruch des Krieges die außerordentliche Kündigung von Biberti wegen „höherer Gewalt“.
Im Jahr 1940 wurde Alfred Grunert zur Wehrmacht einberufen und war in der kulturellen Truppenbetreuung beschäftigt, wo er von dem Zusatz „vom Meistersextett“ profitierte. Ein Zurückstellungsantrag Bibertis, der Grunert für seine Neubesetzung des Meistersextetts einsetzen wollte, wurde vom Militär im November 1940 abgelehnt. Alfred Grunert war inzwischen zusammen mit dem Pianisten Herbert Jäger mit einer eigenen Tournee für die Organisation „Kraft durch Freude“ unterwegs. Erst ab Mitte Dezember 1940, nach Freistellung durch die Wehrmacht, wurde Alfred Grunert bis Juni 1941 für die letzte Besetzung des Meistersextetts engagiert, die allerdings nur noch bis zum Abbruch der überwiegend für die Organisation „Kraft durch Freude“ abgehaltenen Konzerte Anfang Februar 1941 existierte. Unmittelbar danach nahm er wieder ein Engagement bei der Truppenbetreuung an, was Biberti ihm sehr verübelte, da er den Plan eines Meistersextetts noch immer nicht aufgeben wollte.
Nach dem Krieg war Alfred Grunert zunächst in Lübeck und im Hamburger Ballhaus „Alkazar“ engagiert. Zwar bescheinigte ihm Robert Biberti bereits im Juli 1946, dass er „an den im Rahmen des Wiederaufbaus unseres Ensembles stattfindenden Proben teilnimmt“, jedoch hat dieses Vorhaben nur auf dem Papier existiert. Grunert wohnte zu dieser Zeit in Berlin-Wilmersdorf, Bayrische Straße 16, und war mit seiner Frau Edith, geborene Stark, verheiratet. Auch ihn versuchte Robert Biberti für das Gerichtsverfahren gegen Fred Kassen zu instrumentalisieren. Ende der 1940er Jahre gastierte Alfred Grunert vorübergehend in Lüneburg, Bad Pyrmont und Hannover und trat etwa ab 1950 in Hamburg auf, unter anderem im Ballhaus-Varieté „Allotria“ und auch im Rundfunk. In den folgenden Jahren führte Grunert, der mit seiner Frau in der Osdorfer Landstraße 144 lebte, noch einen sporadischen Briefwechsel mit Robert Biberti. Alfred Grunert starb am 21. Januar 1982 in Hamburg.

 


Unter Verwendung von Nachlässen und publizierten Quellen.